Die seit langem vertretene Ansicht, Nickerchen seien ein Zeichen von Faulheit oder schlechten Schlafgewohnheiten, wird von der aufkommenden Neurowissenschaft in Frage gestellt. Neueste Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass ein kurzer Nachmittagsschlaf – etwa 45 Minuten – das Gehirn tatsächlich „neu starten“ kann und so das Lernen und die geistige Klarheit fördert. Hier geht es nicht darum, verlorenen Schlaf nachzuholen; es geht um die Optimierung der kognitiven Funktion.
Wie die Studie funktionierte
Forscher eines kontrollierten Schlaflabors untersuchten 20 gesunde Erwachsene in zwei getrennten Sitzungen. Eine Sitzung beinhaltete einen Mittagsschlaf (zwischen 13:15 und 14:15 Uhr), während die andere die Teilnehmer wach hielt. Während der Nickerchen-Sitzungen schliefen die Teilnehmer durchschnittlich 45 Minuten leicht bis mittelschwer.
Die Gehirnaktivität wurde vor und nach jeder Sitzung mithilfe der Elektroenzephalographie (EEG) gemessen, um den elektrischen Hirnrhythmus zu verfolgen, und der transkraniellen Magnetstimulation (TMS), um zu beurteilen, wie leicht Neuronen neue Verbindungen eingehen können. Dadurch konnten Wissenschaftler sowohl die synaptische Stärke als auch die Plastizität des Gehirns – seine Lernfähigkeit – beobachten.
Das Gehirn beim Nickerchen: Weniger Sättigung, mehr Lernen
Die Ergebnisse waren frappierend. Teilnehmer, die ein Nickerchen machten, zeigten eine verringerte allgemeine synaptische Stärke gepaart mit einer erhöhten Fähigkeit, neue synaptische Verbindungen zu bilden. Vereinfacht ausgedrückt schien das Gehirn weniger überlastet und empfänglicher für neue Informationen zu sein.
Im Laufe des Tages stärken sich die Synapsen, wenn wir Informationen aufnehmen. Eine zu hohe Sättigung erschwert jedoch die effiziente Kodierung neuer Daten. Das Nickerchen fungierte als Reset-Knopf und senkte sanft die synaptische Aktivität, um Raum zum Lernen zu schaffen. Dies erklärt, warum sich Menschen nach einer kurzen Pause oft konzentrierter und kreativer fühlen.
Diese Veränderungen spiegeln die Auswirkungen einer vollen Nachtruhe wider, allerdings in einem schnelleren und kleineren Ausmaß.
Nickerchen vs. Schlafentzug
Die Studie macht eine entscheidende Unterscheidung: Nickerchen sind kein Ersatz für die Behandlung von chronischem Schlafmangel. Wenn Sie Probleme mit dem Nachtschlaf haben, bleiben Verhaltenstherapien wie die kognitive Verhaltenstherapie gegen Schlaflosigkeit der beste Ansatz.
Wer jedoch gut schläft, kann ein gelegentliches Mittagsschläfchen die Lernfähigkeit des Gehirns optimieren, insbesondere in Zeiten hoher kognitiver Beanspruchung. Dies könnte für Studenten, Sportler, Kreative oder jeden, der vor einem geistig anstrengenden Arbeitstag steht, von Nutzen sein.
Wie man effektiv ein Nickerchen macht
So maximieren Sie die Vorteile eines gehirnfreundlichen Nickerchens:
- Passen Sie den richtigen Zeitpunkt an: Planen Sie 30–60 Minuten zwischen 13 und 15 Uhr ein.
- Halten Sie es konsistent, aber optional: Sie müssen nicht täglich ein Nickerchen machen.
- Optimieren Sie Ihre Umgebung: Gedimmtes Licht, eine angenehme Temperatur und minimaler Lärm helfen.
Die wichtigste Erkenntnis ist, dass Schlaf das Gehirn nicht nur passiv wiederherstellt; es formt aktiv seine Lernfähigkeit um. Selbst ein kurzer Mittagsschlaf kann die synaptische Aktivität neu kalibrieren und Ihr Gehirn flexibler, effizienter und bereit für neue Informationen machen. In einer Kultur, in der Müdigkeit oft mit Produktivität gleichgesetzt wird, erinnert uns diese Studie daran, dass es manchmal der klügste Schachzug ist, sich auszuruhen.



















